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Volkstrauertag

Bürgermeister Erwin Esser zum Volkstrauertag am 15. November

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

in Ehrfurcht vor den Toten beider Weltkriege und den Opfern von Gewaltherrschaft sowie vor allen Kriegsopfern und im Dienst gestorbenen Soldatinnen und Soldaten weltweit lege ich am Volkstrauertag am 15. November als Zeichen des Gedenkens am Ehrenmal im Rheinpark einen Kranz nieder. Die Ortsbürgermeister Manfred Rothermund, Paul Hambach und Ralf Daniel tun dies in Urfeld, Keldenich und Berzdorf. Denn Gedenkveranstaltungen mit musikalischer Untermalung und vielen Gästen sind in Zeiten von Corona nicht in der Form möglich, in der wir sie sonst begehen; auch nicht draußen.

Wir an den Ehrenmälern und auch Sie, die Sie gerade online diese Zeilen lesen, gedenken der unzähligen Männer, Frauen und Kinder, die während der beiden Weltkriege Opfer von Schlachten und Bombenhagel, von Völkermord und Rassenwahn, von Terror und Vertreibung wurden. Und wir denken an die Menschen, die in unserer Zeit Opfer von Kriegen und Bürgerkriegen, von Terroranschlägen und Vertreibung werden. Wir denken an die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr, die ihr Leben bei Auslandseinsätzen verloren. Auch jetzt, gerade in diesem Moment, wird anderswo geschossen, geplündert, vergewaltigt.

Der Volkstrauertag sollte ursprünglich die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg als einschneidendes Ereignis der Geschichte wachhalten und war dem Gedenken an die unzähligen Kriegstoten und Vermissten gewidmet. Die Gründe für diesen Krieg waren vor allem das Streben nach Macht und Autonomie und die Missachtung der Neutralität anderer Staaten. Gerade zu Anfang des Ersten Weltkriegs unterschätzten viele junge Kriegsfreiwillige, in völliger Unkenntnis der damals modernen Waffen, deren grausame Folgen und sahen den Kriegsdienst als persönliche Aufopferung für das Vaterland. Das gnadenlose Massensterben, das folgte, machte dieser romantisierten Verklärung jedoch rasch ein Ende. Unvorstellbares Leid und ein unfassbares Ausmaß an Zerstörung überzogen weite Teile Europas. Millionen Familien beklagten den Tod ihrer Angehörigen. Wenn wir heute auf den Ersten Weltkrieg zurückblicken, ist es erschreckend, zu sehen, wie schnell ein Weltenbrand ausbrechen kann, wenn Krieg als Option in Kauf genommen wird, und welch tiefe Gräben er hinterlässt. Die endlosen Reihen der Kriegsgräber auf den Soldatenfriedhöfen überall in Europa berichten uns davon. Die Bilder und Berichte von Schlachten, in denen Tausende sinnlos in den Tod geschickt wurden, wirken bis heute verstörend.

Der erste große Krieg des zwanzigsten Jahrhunderts gehört für die meisten von uns zu einer fernen Vergangenheit. Wer von Ihnen hat heute noch Personen in der Verwandtschaft, die von persönlichen Erlebnissen aus dem Ersten Weltkrieg berichten können? Umso wichtiger ist es, dass wir uns die Geschichte immer wieder vor Augen führen und erkennen, wie eminent wichtig es ist, sich mit aller Kraft für den Frieden einzusetzen.

Streben nach Macht und Autonomie und die Missachtung der Neutralität anderer Staaten…

Wenn Krieg als Option in Kauf genommen wird…

Ist das gerade wirklich so weit weg?

Die Opfer der beiden Weltkriege, alle Toten aufgrund von Krieg, Gewaltherrschaft und Terrorismus, die vielen Opfer der Glaubenskriege, Schlachten politischer Ideologien und sinnloser anderer Krisen und Auseinandersetzungen sind eine schier erdrückende Zahl von Menschen, die unser aller Vorstellungsvermögen übersteigt – aber eben nicht nur eine Zahl. Dahinter stehen Namen, Schicksale, an die wir erinnern und die wir betrauern. All diese Menschen unterschiedlichster Nationalität hatten Wünsche und Hoffnungen auf eine Zukunft, die brutal zerstört wurden.

Der Volkstrauertag ist der Ausdruck von Anteilnahme mit allen, die Leid tragen und um die Toten trauern. Trauer ist sehr individuell. Jeder von Ihnen, der schon einen geliebten und vertrauten Menschen verloren hat, kennt das. Es geht vor allem darum, die oder den Verstorbenen in liebevoller Erinnerung zu behalten. Die Erinnerungen sind es, die uns prägen, und die Erinnerungen beeinflussen unser Handeln und unseren Umgang miteinander. Nur wer sich erinnert, kann aus der Vergangenheit lernen und eine bessere Zukunft gestalten. Deshalb müssen wir die Einzelschicksale sehen, im persönlichen Umfeld nach Spuren suchen und die wenigen Zeitzeuginnen und -zeugen, die es noch gibt, anhören.

Es geht aber auch darum, mit dem Schmerz umzugehen und ihn mit anderen zu teilen. Trauer ist auch immer ein Akt der Solidarität. Das schmerzvolle Erinnern und die Trauerarbeit sind in der Gemeinschaft leichter. Es ist ungemein wichtig, diese Erinnerungskultur mit den nächsten Generationen fortzuführen.

Aus der Erinnerung muss die Botschaft, die an uns alle ausgeht, lauten: Nie wieder! Setzen wir Zeichen von Hoffnung und Versöhnung und übernehmen wir Verantwortung für den Frieden.

Das tut auch Not. Denn bedenkliche Entwicklungen gibt es auch in unserem Land, Entwicklungen, die dem Frieden im Innern nicht guttun. Populisten und rechte Gruppierungen ziehen tiefe Gräben mitten durch unsere Gesellschaft. Es wird bei einigen wieder unterschieden zwischen „Wir“ und „Die“. Antisemitische Hetze und Übergriffe haben zugenommen, antisemitische Vorurteile sind selbst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Die Vergangenheit wird beschönigt, relativiert oder ganz geleugnet. Doch wenn wir nicht wissen, was geschehen ist, wenn wir uns unserer Geschichte nicht stellen, dann können wir auch keine Schlüsse aus der Vergangenheit ziehen und wiederholen schlimmstenfalls alte Fehler.

In einer beeindruckenden Reportage „Rechts. Deutsch. Radikal“ von Thilo Mischke, die ProSieben Ende September ausgestrahlt hat, habe ich vieles erfahren, was mich schockiert hat. Wer die Reportage verpasst hat, sollte sie auf jeden Fall online ansehen. Mischke zeigt, wie rechte und rechtsextreme Gruppen heute miteinander verwoben sind, wo sie sich unterscheiden und wo es keine Abgrenzungen mehr gibt. In den Interviews wurden Aussagen getroffen, die mir als überzeugtem Demokraten das Blut in den Adern gefrieren lassen. Übrigens nicht nur die Aussagen von den Rechten, sondern vor allem auch die deutlichen Ansagen des Verfassungsschutzes zu seiner Einschätzung der Lage.

Herbert Grönemeyer singt in seinem Lied „Fall der Fälle“:

„Es ist ein Transit, eine Szene, die aufzieht
Ein Bodensatz, der nie schläft
Es ist ein Virus, der sich in die Gehirne fräst,
der sie versucht, der sie belegt
Es wird laut gedacht, alles ist erlaubt
Es lallt und hallt von überall
Jeder Geisteskrampf wird ganz einfach mal gesagt
Es wird gejagt ohne Moral.“

Wie sich ein Virus verbreitet, darüber haben wir in den vergangenen Monaten vieles gelernt. Auch darüber, wie man sich und andere davor schützen kann. Nach der Ausstrahlung seiner Reportage war Thilo Mischke zu Gast bei Klaas Heufer-Umlauf in Late Night Berlin. Gegen Ende des Interviews kam die Frage auf, was man tun könne, wenn jemand in die rechte Szene rutscht. Mischke sagte, wichtig sei, die Menschen nicht aufzugeben, sie nicht ganz gehen zu lassen, immer wieder das Gespräch zu suchen. Denn die Szene ist geschlossen. Darin kann man Ausbildungsplätze finden, Arbeit, Freizeitaktivitäten und jemanden zum Heiraten. Und wer einmal drin ist, kehrt wohl nicht wieder zurück. Denn selbst wer möchte, weiß, dass „draußen“ vielleicht niemand mehr wartet.

Frieden beginnt bei jeder und jedem von uns. Es geht um unseren inneren Frieden, es geht um den häuslichen Frieden, es geht um den Frieden im Umgang mit unseren Mitmenschen. Der Volkstrauertag mahnt uns zum Nachsinnen darüber, was wir alle als Nation, als Kommune und wir selbst für Frieden, Freiheit und Menschlichkeit tun können.  Es ist ein Tag des Nachdenkens darüber, wie wir heute auf Krieg und Gewalt reagieren und was wir – ganz persönlich, aber auch als reiches Land in einem freien und zumeist friedlichen Europa – für Freiheit und Menschlichkeit auf der Welt tun können.

Wir müssen frühzeitig erkennen, wenn Menschenrechte ausgehöhlt und mit Füßen getreten werden. Wir müssen couragiert einschreiten, wo Mitmenschen unsere Hilfe brauchen. Niemals dürfen wir gegenüber menschlichem Leid in Gleichgültigkeit verfallen.

Wir haben keinen Frieden auf der Welt. Die Welt kommt nicht zur Ruhe. Millionen von Menschen leben auch heute noch im Krieg oder fliehen davor. Das führt uns vor Augen wie existenziell wichtig eine gefestigte, starke Demokratie ist, die extremistische Tendenzen aushält und im Zaum hält.

Vergewissern wir uns gegenseitig, gemeinsam aufzustehen gegen die, die unsere Demokratie missachten und Menschenrechte geringschätzen. Den Frieden, den wir haben, sichert die Demokratie, die wir haben. Und sicher auch andersherum. Nutzen wir den Volkstrauertag, uns bewusst zu machen, welch ein Glück wir haben, und es uns zur Aufgabe zu machen, dies zu bewahren.

Wir hier in Wesseling verstehen uns als eine weltoffene, vielfältige und tolerante Stadt. Hier ist kein Platz für menschenverachtendes Gedankengut und Fremdenfeindlichkeit.

Den Toten bleiben wir verbunden in der dauerhaften Verpflichtung für Frieden, Freiheit, Demokratie und Menschlichkeit. Dies wollen wir für uns im Gedächtnis und im Herzen bewahren, wenn wir den Volkstrauertag begehen.

In stillem Gedenken

Ihr

Erwin Esser

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